Abstrakte Kunst

Die abstrakte Kunst ist eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzende Ausdrucksweise. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Künstler sich in ihrer Arbeit zunehmend von der Darstellung realer Natur entfernen und ihre Kunstwerke aus ungegenständlichen oder Gegenstände nur andeutenden Formen, also abstrakt, komponieren. Daher trägt die abstrakte Kunst auch die Bezeichnungen "gegenstandslose Kunst" oder "gegenstandsfreie Kunst".

 

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C. Middendorf: "Plenty of Love" G. Hung: "Makrokosmos" Maya: "Herbststurm" R. König: Mystic Dungeon
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Wie nahm die abstrakte Kunst ihren Anfang und wer waren die Wegbereiter?

Die ersten Maler und Bildhauer entfernten sich bereits kurz nach 1900 von der Darstellung der realen Welt. Bekannt ist Wassily Kandinskys Werdegang, der von einer stilisierenden Malerei im Sinne des Münchner Jugendstils über zahlreiche Entwicklungsphasen letztendlich zu abstrakten Kompositionen führte, die in die absolute Gegenstandslosigkeit der geometrischen Formen münden. Mit seiner im Jahr 1910 erarbeiteten Schrift "Über das Geistige in der Kunst" legte Kandinsky das theoretische Fundament für diese neue Strömung in der Malerei. Es ist allerdings strittig, ob ihm die Vorreiterrolle in der Entwicklungsgeschichte der abstrakten Kunst tatsächlich zukommt. Sein erstes gegenstandsloses Bild malte er eigenen Angaben zufolge 1910. Mittlerweile gehen die Experten jedoch davon aus, dass dieses Werk vordatiert wurde. Entstanden ist es vermutlich erst 1913. Der Tscheche Frantiek Kupka hatte indes schon 1911 mit dem Malen abstrakter Bilder begonnen.

Nach einem von der Historikerin und Journalistin Julia Voss verfassten Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom April 2011 gilt Hilma af Klint (1882 - 1944) als erste Künstlerin, die sich dem Malen abstrakter Bilder widmete. Einer Serie kleinformatiger Bilder, die sie im November 1906 kreierte, folgte im Jahr 1907 ihr erstes großformatiges Kunstwerk. Die in Frankreich wirkenden Künstler Sonia Delaunay-Terk, Francis Picabia und Robert Delaunay, die in Frankreich und der Schweiz aktive Sophie Taeuber-Arp und der Niederländer Piet Mondrian sind weitere Wegbereiter für die abstrakte Malerei. Die ersten gegenstandslosen Werke in der Bildhauerei entstanden erst um 1920 durch den russischen Konstruktivisten El Lissitzky, den ukrainischen Bildhauer Alexander Archipenko und den englischen Bildhauer Henry Moore.

Welches sind die charakteristischen Merkmale der abstrakten Kunst?

Die abstrakte Kunst bietet hinsichtlich der Gestaltung viel mehr Möglichkeiten als gegenständliche Kunstformen. Wurden früher nur Landschaften, Häuser, Menschen und Tiere dargestellt, herrscht in der abstrakten Kunst eine deutlich größere Freiheit. Bei dieser modernen Ausdrucksweise geht es den Künstlern um die Darstellung von Innenwelten, die facettenreicher sind als die visuell wahrnehmbare Außenwelt. Sie fordern den Betrachter dazu auf, sich noch stärker mit ihrer Schöpfung auseinanderzusetzen und herauszufinden, was sie ihm damit mitteilen wollen.

 

Andreas Garbe: Feuer und Wasser, für alle Werke des Künstlers hier klicken

 

Lässt sich kein direkter Bezug zur Wirklichkeit herzustellen, bleibt nur die Möglichkeit, das Kunstwerk selbst zu deuten. Als Hilfestellung liefert der Künstler häufig eine schriftliche Legende mit, die darüber informiert, was er bei der Herstellung dachte und fühlte. Ohne dieses Hilfsmittel gelangen sogar routinierte Kunstexperten bei der Interpretation ein und desselben Werkes zu unterschiedlichen Meinungen.

Als wichtigste Bausteine abstrakter Kunst gelten Farbe, Form und das verwendete Material. Meist haben die Künstler den Anspruch, dass kein Vergleich zu Figuren und Formen in der Natur möglich ist. Sie legen großen Wert darauf, dass ihre Schöpfungen allein ihrer Kreativität entsprungen sind.

Welche zentralen Motive finden sich in der abstrakten Kunst?

Seit 1910 trat die abstrakte Kunst in immer neuen Stilvarianten auf. Ihre stilistische Vielfalt lässt sich auf beide Linien ihrer Entstehung zurückführen: Zum einen entspringt sie der dem Expressionismus entstammenden, von Wassily Kandinsky begründeten und von Ernst Wilhelm Nay, Hans Hartung, Jackson Pollock und anderen Künstlern weitergeführten freien malerischen Entwicklung, die bereits von Jugendstilkünstlern wie August Endell, Mikalojus Konstantinas ?iurlionis und Hermann Obrist vorbereitet wurde. Zum anderen basiert sie auf der fast zur gleichen Zeit vom Kubismus ausgehenden geometrisierenden Richtung, der die Künstler Michail Fjodorowitsch Larionow, Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch, Frantiek Kupka und Piet Mondrian zuzuordnen sind.

 

Der informellen Kunst verpflichtet: Klaus Boekhoffs „Einander zugeneigt“, für alle Werke des Künstlers hier klicken

Während die erste dieser Ursprungsformen insbesondere seit 1945 ihre ungebundenste Ausdrucksform in der informellen Kunst erreichte, erfuhr die andere ihre strengste Bindung im Bereich des technoiden Konstruktivismus, welcher die Weiterentwicklung zur konkreten Kunst durchlief. Hinzu gesellte sich ab den 1940er Jahren die von Paul Klee vorbereitete abstrakte Malerei mit ihrer eigenen Bildsprache dekorativer, magisch wirkender Bildzeichen und Formrhythmen. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Kunstrichtung gehören Willi Baumeister und verschiedene Künstler der École de Paris.

Die abstrakte Plastik existiert nach Vorstadien im Jugendstil wie Hermann Obrists Wachstumsspiralen seit circa 1912/13 (Alexander Archipenko, kurz darauf Rudolf Belling). Wenig später bildete sich im russischen Konstruktivismus, zu dem beispielsweise W?adimir Jewgrafowicz Tatlin, Antoine Pevsner und Naum Gabo zählen, die wechselseitige Durchdringung von Linien und Flächen mit dem Raum als eines der wichtigsten Themen auf dem Gebiet der abstrakten Plastik während des 20. Jahrhunderts heraus. Neben dieser konstruktiven Linie rief Hans Arp 1916 eine Richtung ins Leben, die sich auf vegetabilisch wirkende Wachstumsformen begründet. In den 50er Jahren entstanden abstrakte Plastiken vor allem in den USA (D. Smith). Ab 1960 folgten horizontal orientierte, allseitig offene Metallplastiken (schulbildend: E. Caro, England).

 

Welche Kunstrichtungen gibt es in der abstrakten Kunst?

Nach ihrer Entstehung zerfiel die abstrakte Malerei innerhalb kurzer Zeit in eine Reihe verschiedener Stile. Die stilübergreifende Untergliederung in eine geometrische Abstraktion (Theo van Doesburg, Piet Mondrian, Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch) und eine expressive Abstraktion (Wassily Kandinsky) bzw. in eine konstruktiv-geometrische und eine lyrische Richtung bezieht sich vor allem auf äußerliche Merkmale, weniger auf die methodischen Unterschiede. Auch der Surrealismus verwendete abstrakte Prinzipien (vgl. Automatismus). Als namhaftester Vertreter der später als abstrakter Expressionismus oder Action Painting bezeichneten Kunstrichtung gilt der Amerikaner Jackson Pollock. Wegweisend waren jedoch andere Maler wie André Masson, ein französischer Surrealist.

 

Welche Kunstformen/Arten kommen in der abstrakten Kunst zum Tragen?

Die wichtigsten Kunstformen in der abstrakten Kunst sind die Malerei und die Bildhauerei, die als gleichbedeutend gelten. Beide entwickelten sich ab Anfang des 20. Jahrhunderts. Für beide Arten ist eine Herausbildung verschiedener Ausprägungen und Gestaltungsmöglichkeiten zu verzeichnen. Heute umfasst die abstrakte Kunst zahlreiche unterschiedliche Kunststile und Strömungen des 20. Jahrhunderts.

 

Jo Zipfel: Green Form of Hope, für alle Werke des Künstlers hier klicken

 

Welche Kunsttechniken kommen in der abstrakten Kunst zum Einsatz?

Beim durch Jackson Pollock international bekannt gewordenen Action Painting (auch Actionpainting oder Aktionsmalerei) handelt es sich um eine Richtung der modernen Malerei im Bereich des abstrakten Expressionismus. Sie trat zu Beginn der 1950 Jahre in den USA in Erscheinung und ähnelt dem europäischen Tachismus oder Informel.

Die Ölmalerei kommt für die abstrakte Kunst ebenfalls zur Anwendung. Diese klassische Königsdisziplin der Kunst wird insbesondere in der Porträt-, Landschafts- und Genremalerei und bei Stillleben eingesetzt. Die Haltbarkeit der Ölfarbe ist ebenso unübertroffen wie ihre Farbbrillanz. Der Begriff Ölmalerei leitet sich daraus ab, dass Öl als Bindemittel das wesentlichste Element der Ölfarbe ist.

 

Bozena Ossowski: Storm of Nightpassion, Öl auf Leinwand, für alle Werke der Künstlerin hier klicken

 

Im Bereich der Malerei mit Öl und Acryl zählen die Spachteltechnik, die Gießtechnik, das Dripping (Aufspritzen der Farbe auf die Leinwand), die Lasurtechnik und die Mischtechnik zu den wichtigsten Methoden. In der Bildhauerei finden sich Skulpturen aus Stahl, Holz und Sandstein, Bronzeguss und Kunststoffplastiken. Darüber hinaus gibt es noch die Collage und die als Mixed Media bezeichnete Verwendung verschiedener Materialien.

 

Welche Künstler sind wichtig für die abstrakte Kunst?

Der Maler Francis Picabia, Frankreich, und Wassily Kandinsky, Russland, schufen ab circa 1911 abstrakte Kunstwerke und gelten damit als wichtige Wegbereiter der abstrakten Kunst. Diese ist jedoch keinesfalls eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. In der jüdischen und islamischen Welt geht die Malerei diesen Weg bereits seit vielen Jahrhunderten. Das liegt vor allem an den religiösen Überzeugungen, die in vielerlei Hinsicht keine gegenständliche Darstellung erlauben. Zu den namhaftesten Vertretern der abstrakten Kunst zählen:

- Gerhard Richter, Deutschland, (* 1932)
- Wassily Kandinsky, Russland, Deutschland, Frankreich, (1866 - 1944)
- Jackson Pollock, USA, (1912 - 1956)
- Yves Klein, Frankreich, (1928 - 1962)
- Willem de Kooning, USA, (1904 - 1997)

 

Inspiriert von Pollocks Drippingtechnik: Annette Freymuth, „Surging XXL“, für alle Werke der Künstlerin hier klicken

 

Welchen Kritikpunkten sieht sich die abstrakte Kunst gegenüber?

Die abstrakte Kunst polarisierte von Anfang an stark. Begeisterte Aufnahme und Verteidigung fanden sich bei denen, die damit in Kontakt kamen, ebenso wie ernsthafte und polemische Kritik. Selbst renommierte Kunsthistoriker und Künstler standen ihr skeptisch bis ablehnend gegenüber.

Sowohl beim Publikum als auch bei Kunstkritikern hatte es die abstrakte Kunst schwer, aufgenommen zu werden. Aufgrund ihrer Abweichung vom etablierten Kunstbegriff und ihres Verzichts auf die gegenständliche Abbildung stieß sie bei der Mehrheit des Publikums auf Missfallen. Es fielen Äußerungen, dass es sich hierbei nicht um Kunst handle und dass zu ihrer Erstellung weder handwerkliches Können noch künstlerische Begabung erforderlich seien. In polemischer Weise führten Kritiker Beispiele malender Schimpansen an, um die abstrakte Kunst herabzuwürdigen.

Eine andere Richtung schlägt die Kritik ein, abstrakte Malerei, insbesondere der abstrakte Expressionismus, wäre im Kalten Krieg funktionalisiert worden. So taucht der Vorwurf auf, die CIA hätte Jackson Pollock und weitere abstrakte Expressionisten in Zusammenhang über den Congress for Cultural Freedom und im Konsens mit der Förderungspolitik der Ford Foundation und der Rockefeller Foundation subventioniert. Im Gegenzug zum Ausbau des sozialistischen Realismus durch Stalin in dessen Machtbereich bot die abstrakte Kunst nach dem Krieg im zerstörten Europa eine Möglichkeit, politische und künstlerische Freiheit und Fortschrittlichkeit zu demonstrieren, ohne dass eine zu offene sozialkritische Botschaft erkennen zu lassen.

 

Welche bekannten Museen stellen abstrakte Kunst aus?

Modern Museum of Art

 

Das Museum of Modern Art (MoMA) beinhaltet eine der bedeutendsten und einflussreichsten Sammlungen zeitgenössischer und moderner Kunst rund um den Erdball. Zu finden ist diese Kunstsammlung in New York, im Bezirk Midtown des Stadtteils Manhattan. Werke der Architektur und des Designs sind hier ebenso zu finden wie Zeichnungen, Gemälde, Fotografien, Illustrationen, Drucke, Skulpturen, elektronische Medien und Filme. Darüber hinaus verfügt das Museum über eine umfassende Bibliothek mit 300.000 Bänden.



Solomon R. Guggenheim

Das ebenfalls in New York beheimatete Solomon R. Guggenheim Museum wurde 1939 gegründet. Dieses von der Solomon R. Guggenheim Foundation betriebene Museum für moderne Kunst ist nicht nur das bekannteste, sondern auch das älteste der Guggenheim-Museen. Eröffnet wurde das von Frank Lloyd Wright entworfene Museumsgebäude im Jahr 1959. Die abstrakte Kunst bildet den Schwerpunkt der gezeigten Sammlung. Es sind jedoch auch Werke des Impressionismus, des Post-Impressionismus, des Expressionismus und des Surrealismus zu sehen.

 

Die Neue Nationalgalerie

 

Die Neue Nationalgalerie befindet sich am Kulturforum Berlin. Dieses Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts gehört zur Nationalgalerie Berlin. Der von Ludwig Mies van der Rohe entworfene, im Jahr 1968 eröffnete Museumsbau gilt als eine Ikone der klassischen Moderne. Zusammen mit dem Kunstgewerbemuseum und der Gemäldegalerie gehört die Neue Nationalgalerie zu den bedeutendsten Museen am Kulturforum Berlin.

 

Welche bekannten Zitate beziehen sich auf die abstrakte Kunst?

Es gibt keine »Gegenstände« und keine »Farbe« in der Kunst, sondern nur »Ausdruck«. (Franz Marc)

Je abstrakter die Kunst wird, desto mehr wird sie Kunst. (Robert Musil)

"Der abstrakte Maler bekommt seine Anregungen nicht von einem x-beliebigen Stück Natur, sondern von der Natur im Ganzen, von ihren mannigfaltigsten Manifestationen, die sich in ihm manifestieren und zum Werk führen." (Wassily Kandinsky)

"Es gibt keine abstrakte Kunst. Man muss immer mit etwas beginnen. Nachher kann man alle Spuren des Wirklichen entfernen. Dann besteht ohnehin keine Gefahr mehr, weil die Idee des Dinges inzwischen ein unauslöschliches Zeichen hinterlassen hat. (Pablo Picasso)

Welche Bücher sind zum Thema abstrakte Kunst zu empfehlen?

- Abstrakter Expressionismus, Barbara Hess, Taschen, Köln 2005, ISBN: 978-3836513821

- Abstrakte Kunst, Dietmar Elger, Taschen, Köln 2008, ISBN: 978-3-8228-5617-8

- Abstrakte Kunst nach 1948 - Sammlung Serviceplan, Peter Haller (Hrsg.), Jovis Verlag, Berlin 2012, ISBN: 978-3-86859-189-7

- Turner, Hugo, Moreau - Entdeckung der Abstraktion (Ausstellungskatalog der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main), Raphael Rosenberg, Hirmer Verlag, München 2007, ISBN: 978-3-7774-3755-2

- Die Informellen - von Pollock zu Schumacher, Susanne Anna (Hrsg.), Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 1999, ISBN: 3-89322-689-3

- Im Zeichen der Abstraktion. Zur westdeutschen Kunst 1945-1960, Bettina Ruhrberg, Karl Ruhrberg, in: Kunst des Westens. Deutsche Kunst 1945-1960 (Katalog der Kunstausstellung der Ruhrfestspiele Recklinghausen 1996), Ferdinand Ullrich (Hrsg.), Wienand Verlag, Köln 1996, ISBN: 3-87909-489-6.

 

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Foto Neue Nationalgalerie Berlin: Tom Radenz, „Neue Nationalgalerie“, CC-Lizenz (BY 2.0)

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